Liaisons (Variante II)
Liesl Raff
Latex, Metall, Seil, Pigmente, Talkum
variabel
2023
Ankauf 2023
Inv. Nr. 0465
Für ihre ausgedehnten, großräumigen Installationen setzt Liesl Raff ein Material ein, das durch seine physikalischen Eigenschaften, Farbe und Geruch faszinierende Situationen heraufbeschwört. Latex, den milchigen Saft des Kautschukbaums, verwendet Raff in flüssigem Zustand – trägt ihn mit Pinseln über verschiedene Oberflächen auf, verschüttet ihn auf Flächen und Formen, verarbeitet die getrockneten Gummibahnen zu Skulpturen oder gießt das Material zu bunten Schnüren, wie im Fall von Liaisons (Variante II) der evn sammlung.
In ihrer bemerkenswerten Ausstellung Liaison im fjk3 – Raum für zeitgenössische Kunst hing die Arbeit 2023 von der Mitte der secessionistischen Fliesendecke der Gebrüder Schwadron, die die Räumlichkeiten um 1930 als Showroom für ihre Baukeramikproduktion verwendet hatten.
Für die abgehängten Latexseile reichen die Assoziationen von Tentakeln eines Oktopus bis zu bioinspirierten Soft-Robotern. Generell führt das Werk Liesl Raffs tief in die Kunstgeschichte der letzten Jahrzehnte, zu den XXL-Elektrokabeln Claes Oldenburgs, zu Eva Hesse mit ihren Arbeiten aus zähflüssigen, flexiblen Materialien, zu Isa Genzkens breitem Spektrum des fließenden Übergangs. Um Schutz, aber auch um Verletzlichkeit geht es in atmosphärischen, raumspezifischen Settings, die die Antecámaras des brasilianischen Architekten Luis Barragàn bedenken, dessen transitorische Eingangssituationen Raff verehrt.
„Latex ist die Art von Freund, den man sich immer wünschen würde“, sagt Liesl Raff in einem Interview mit Misong Kim im Februar 2025, „ein guter Gegenpart und ein guter Begleiter zugleich. Er hat ein gutes Gedächtnis. Er ist dynamisch und nie statisch. Ist unberechenbar und hat seinen eigenen Kopf. Aber er ist auch sanft und geschmeidig, haptisch. Es ist ein freundliches, positives Material, weil es bereichernd wirkt und nie destruktiv.“ Eigenschaften, die wichtig sind für die Künstlerin, die sich gerne mit positiven Arbeitsprozessen umgibt.
Raff nutzt die zeitliche Dimension, die im Latex steckt, ebenso wie sein Potential für Transformation. Ihre Arbeiten sind körperhaft, prozess- bzw. handlungsorientiert, sie vereinen postminimalistische Form und industrielle Elemente mit einem spürbaren Interesse an Malerei. Im Spannungsfeld von Zufall und Kontrolle ist es wohl der Zufall, der für Liesl Raff ein tadelloser Begleiter am Glatteis von Leben und Kunst ist.
Text: Brigitte Huck