Spaces about other Spaces
Tolia Astakhishvili
Tapete im Digitaldruck in fünf Varianten
variable Maße
2025
Commission 2025
Inv. Nr. WP_35
Auf einer Tapete sind wenige Bilder zu erkennen. Es handelt sich um Reproduktionen von Gemälden ihres Großvaters, umgeben von einem wiederholten Lilienmotiv auf blauem Grund. Die Gemälde erscheinen in diesem Umfeld wie Zitate, hervorgehoben durch illusionistische Rahmen und zugleich flach mit dem Hintergrund verbunden, gegenwärtig und entrückt zugleich.
Tolia Astakhishvili wuchs im Atelier ihres Großvaters auf, in einem Haus in Tbilisi, Georgien. Das etwa 250 m² große Haus war ein Geflecht aus Wohn- und Arbeitsräumen, in dem Leben und Kunst miteinander verschmolzen. Die Tapete mit goldenen Lilien schmückte einen der Arbeitsräume und wurde von ihm gemeinsam mit drei weiteren Künstlern gestaltet. In den 1930er-Jahren war er ein bekannter Künstler, dem es trotz der Isolation der sowjetischen Kunstszene und politischer Restriktionen gelang, eine eigenständige künstlerische Stimme zu entwickeln. Die Wiederaufnahme seines Werkes durch Astakhishvili ist damit nicht nur private Erinnerung, sondern zugleich ein Beitrag zur Kunstgeschichte der Moderne.
Astakhishvili erzählt, wie sie als siebenjähriges Mädchen gemeinsam mit ihrem Großvater malte oder in seinen Büchern blätterte, wenn er abwesend war. Jeder Raum hat eine eigene Farbe. Das Esszimmer hatte ein sattes Grün, ihr Zimmer ein zartes Blau, das Atelier gebrochenes Weiß, fast Grau. Das Atelier wirkte weitläufig, mit Möbeln bequem eingerichtet, dabei fast wie ein Ausstellungsraum, durchdrungen von Licht aus einem einzigen Ostfenster. In Stille und Ambiente formten sich die frühen Erfahrungen, die später als Motive und Gestaltideen in ihrem Werk wiederkehren.
Die Lilien-Tapete wird zum Anlassfall der Erinnerung, zu einem Nachleben der Bilder, wie die Formierung des Lichts als Kontrastmittel des Gewesenen. Hinzu kommt die Wiederholung des Motivs, die einem Aktualisieren gleicht, dem Wiederaufleben des vom Vergessen Bedrohten. Astakhishvili beschreibt: „Ich besitze nur ein Foto von der Tapete, und doch begleitet mich die Idee, sie wieder aufzugreifen, seit vielen Jahren. In meiner Erinnerung ist sie nie statisch. Sie erscheint immer am Rand, im Seitenblick, ein permanenter Hintergrund, der sich ständig verändert.“ Erinnerung konserviert keine Abbilder, sondern verlebendigt sie, aktualisiert sie jeweils neu, verschiebt Maßstab, Perspektive und Wirkung. Auch das gegenwärtige Sehen wird von diesem Nachleben der Bilder überformt, durchdrungen von der Resonanz früherer Eindrücke.
Aus diesem Grund bleibt Astakhishvili, die eine Kunst der Nachsicht betreibt, in ihrem Werk nicht auf der Fläche verhaftet. Tatsächlich wird sie durch präzise Rauminstallationen und in situ-Werke bekannt. Räume zeigen sich darin nicht geöffnet, sondern verschachtelt, Sichtachsen blockiert und Durchblicke behindert. So wird erlebbar, wie Erinnerung sich der Vollständigkeit entzieht, aber zugleich nach Vervollständigung ruft, immer gefiltert, angereichert durch Wahrnehmung, spätere Erfahrung und interpretierendes Bewusstsein. Dies ist nur konsequent, denn Erinnerung ist psychisch. Sie ist nicht nur Bild, sondern Raumbezug, Befindlichkeit, Geruch, Aura und Ambiente. Und obschon sie auch räumlich wird, vermittelt sich nur eine vorgebliche Geschlossenheit. Denn innere Bilder mögen umfassend wirken, wie Träume, zugleich bleiben sie gebrochen, überformt von Wiederholungen, zerfächert in Bruchstücke und dem Bedürfnis, sie zu wiederholen.
Thomas D. Trummer, 2026