Flesh
Hristina Ivanoska
variabel
Inv. Nr. WP_38
Die Tapete von Hristina Ivanoska entsteht aus einer künstlerischen Praxis, die tief in historischen Erzählungen, politischen Realitäten und sozialer Recherche verwurzelt ist. Ivanoska arbeitet interdisziplinär – mit Zeichnung, Text, Textil, Installation, Performance und Video – und untersucht kontinuierlich, wie individuelle Erfahrung in umfassendere soziale und politische Strukturen eingebettet ist. Sie lebt und arbeitet zwischen Skopje und Berlin und hat international ausgestellt, unter anderem bei der Manifesta 14, im MAXXI in Rom und im Künstlerhaus in Wien.
Diese Tapete bezieht sich auf Ivanoskas laufendes Projekt Flesh into Blossom (seit 2024), das konzeptuell aus ihrem Interesse an der südosteuropäischen Feengestalt der Samovila sowie Donna Haraways Büchern A Cyborg Manifesto und Staying with the Trouble hervorgeht. Sie reinterpretiert die Fee durch eine zeitgenössische Linse als spekulatives, hybrides Wesen und reflektiert darüber, wie diese folkloristische Figur heute als eine Art zukünftiger Cyborg verstanden werden könnte – ganz im Sinne von Haraways Idee, dass der Cyborg genau dort entsteht, wo sich die Grenzen zwischen Mensch und Tier auflösen.
Für die EVN Collection Tapete Flesh verwendet die Künstlerin ihr nicht-binär aufgebautes Alphabet Archetype Open Form, ein System, das konventionelle Hierarchien von vertikalen und horizontalen Linien auflöst. Stattdessen formt es Buchstaben mit Kreisen, Halbkreisen und Diagonalen, widersteht bewusst eindeutiger Lesbarkeit und öffnet einen Raum poetischer Vielschichtigkeit.
Das Bild ist eine Hommage an Ivanoskas tägliche Spaziergänge im Skopje City Park, wo sie die sich ständig verändernden Stimmungen der Natur und ihre leise Beharrlichkeit erlebt. Ein markantes Detail ist der Specht. Diese flüchtige akustische Begegnung wurde zum Ausgangspunkt eines visuellen Motivs. Hier wird der Vogel zu einem Symbol für Vitalität, Rhythmus und den lebendigen Puls urbaner Natur. Umgeben von Pilzen und Weidenzweigen existiert er in einem vielschichtigen Ökosystem, in dem subtile Warnungen vor Zerstörung unter der Oberfläche bleiben. Seine Präsenz innerhalb der Tapete verwebt persönliche Erfahrung, urbane Landschaft und das Gefühl einer ungewissen, sich entfaltenden Zukunft. Insgesamt vermittelt die Tapete eine poetische Spannung zwischen zarten, floralen und organischen Formen und dem bewusst gesetzten, fast dokumentarischen Element des Vogels. In Verbindung mit Ivanoskas introspektiver und sozial engagierter künstlerischer Praxis entsteht ein Werk, das sowohl ästhetisch als auch konzeptuell reich ist. Es zeigt die Fähigkeit der Künstlerin, alltägliche Wahrnehmungen in eine vielschichtige visuelle Erzählung zu transformieren. Die Tapete wird zu einem Übergangsraum – einem feinen, zugleich kraftvollen Gewebe aus Farbe, Textur und Bedeutung, das von Fürsorge, Verletzlichkeit und der Möglichkeit neuer Beziehungen zwischen Spezies spricht.
Heike Maier-Rieper, 2026
Weiterlesen